Carina im Wunderland

Carina im Wunderland

Es ist Mittwoch Abend, ich hatte einen anstrengenden Tag als alleinerziehende Mama, liege endlich auf der Couch und zappe mich durchs Fernsehprogramm. Irgendwas seichtes zum Kopf Ausschalten suche ich, als ich leider auf RTL hängen bleibe.

Es läuft „Das Sommerhaus der Stars“. Hier kämpft die Z-Promi-Liga im Pärchenmodus um den Sieg in Form von 30.000€.

Doch was ich hier in den nächsten 60 Minuten erlebe, hat mit seichter Unterhaltung nichts zu tun.

Hier geht es um Mobbing vom Feinsten.

In einer mehr als grenzwertigen Gruppendynamik, stürzen sich die Teilnehmer auf ein Reality-Sternchen namens Eva.

Von allen Seiten, vor allem von den anderen Frauen im Haus, wird sie angegriffen, beleidigt und denunziert. Für mich als hochsensibler Scanner kaum zu ertragen und doch schalte ich nicht um, denn hier erkenne ich erneut ein Muster, welches mir im Laufe meines Lebens nur allzu oft begegnet und mir auch selber zugestoßen ist: Die Feindschaft der Frauen.

Ich erlebe es so oft und doch verstehe ich es nicht. Frauen greifen sich gegenseitig an, gönnen sich den Dreck unter den Fingernägeln nicht (oder gönnen sich eigentlich genau das), machen sich gegenseitig fertig. Und ich frage mich: Wieso?

 

Letzte Woche an der Supermarktkasse: Zwei Frauen vor mir in der Schlange unterhalten sich:

Frau Nr. 1: „…und hast Du ihr Kleid gesehen?! Bei so fetten Oberschenkeln würde ich ja kein kurzes Kleid anziehen.“

Frau Nr. 2: „Haha! Die hat es ja nach eineinhalb Jahren immer noch nicht geschafft, ihre Babypfunde loszuwerden. Also ich schäme mich jetzt schon, wenn wir nächste Woche in unserem Wellnessurlaub mit ihr zusammen in der Sauna sitzen!“

Frau Nr. 1: „Das nächste Mal fahren wir auf jeden Fall ohne sie!“

Wie schwer es mir fiel, meinen Mund zu halten…

Auch ich hatte solche „Freundinnen“. Ich habe es lange nicht gecheckt und dann das Spiel leider zu lange mitgespielt.

Wir waren eine Vierergruppe, ähnlich wie die Sex and the City Mädels waren wir lange unzertrennbar, feierten Parties, trösteten unseren Liebeskummer, lachten, weinten und lebten zusammen.

Bis mir mit der Zeit eines immer deutlicher auffiel: Sobald eine von uns den Raum verließ, fing Veronika an über sie zu lästern. Über Biggis Männerverschleiß, über Susannes naive, „ungebildete“ Art, und ich fragte mich immer öfter, was sie wohl so über mich sagte, wenn ich nicht im Raum war.

 

Ich sollte es bald herausfinden.

In den ersten Monaten nach der Geburt meiner Tochter M ging es mir elend. Ich war kraftlos, ausgelaugt, emotional und körperlich am absoluten Tiefpunkt. M war ein Schreibaby. Das einzige was sie beruhigte war in meinen Armen zu liegen und dauergestillt zu werden. Sie spuckte viel, schlief schlecht und ich sah aus wie ein Zombie von The Walking Dead. Der einzige Unterschied war, dass meine Klamotten ständig voll mit Babykotze waren.

Aber irgendwann ist Dir das egal. Nachdem du Dich zum vierten Mal umgezogen hast, Dir aus dem Schrank ein neues Shirt holen willst und merkst, dass alle deine Klamotten entweder schon in der Waschmaschine liegen, oder vollgekotzt davor liegen, ist es Dir einfach egal. Und wenn schon Deine Klamotten voller Flecken sind, brauchst Du die in Deinem Gesicht auch nicht mehr überschminken. Ganz zu schweigen von den Augenringen, den stumpfen Haaren und den abgesplitterten Fingernägeln.

 

Ich sag‘ ja, ich war ein Wrack.

Dann kam Weihnachten und damit unser Ritual, dass wir uns am 23. zu einem gemeinsamen Abendessen trafen, um Geschenke auszutauschen.

Wie gern ich dieses Jahr zuhause geblieben wäre!

Es hat mich Stunden gekostet, mich für den Abend zurecht zu machen. Duschen, Haarkur, Make-Up, schöne Bluse bügeln, Nägel feilen und lackieren. Und das alles mit einem weinenden Baby auf dem Arm.

Es kam, wie es kommen musste: Bei der Übergabe an die Oma, spuckte M mir auf den Ärmel der Bluse.

Um nicht zu spät zu kommen, wusch ich mit einem Waschlappen den Fleck notdürftig aus und versuchte einen neuerlichen Heulkrampf zu vermeiden. Dann fuhr ich los.

Im Restaurant angekommen war ich so unglaublich stolz auf mich, dass ich mich aufgerafft hatte, mich hübsch gemacht hatte und mich von M für ein paar Stunden trennen konnte (Gott, wie ich sie jetzt schon vermisste).

Doch von meinen Freundinnen erntete ich abschätzige Blicke. Mit hochgezogener Augenbraue begutachtete Veronika mich von oben bis unten und zeigte mit spitzen Fingern auf meinen Ärmel: „Bäh… was ist das denn? Hättest Du Dir nicht was Sauberes anziehen können?!“

Ich ging auf die Toilette und versuchte hektisch den Fleck mit Seife noch besser auszuwaschen. Als ich zurückkam hörte ich, wie die anderen über mich lästerten.

Dieser Abend war das Ende unserer Freundschaft.

 

Und wieder fragte ich mich: Wieso?

Wieso sind Frauen oft so gemein ihrem eigenen Geschlecht gegenüber? Mütter, Freundinnen, Arbeitskolleginnen – durch alle gesellschaftlichen Schichten und Verhältnisse verbindet ein schwarzer Giftfaden aus Neid, Missgunst und Hass die Frauen dieser Welt.

Es beginnt bei der Mutter, die eifersüchtig auf das gute Verhältnis zwischen Vater und Tochter ist, geht weiter bei der Freundin, die neidisch auf die großen Brüste ihrer BFF ist und endet bei den Arbeitskolleginnen, die sich gegenseitig beim Chef anschwärzen, damit ja keine von ihnen befördert wird.

Dabei ist es eigentlich kein Wunder, dass wir so sind, wie wir sind. Bekommen wir doch von klein auf diesen Konkurrenzkampf eingetrichtert.

Mädchen müssen perfekt sein! Immer adrett gekleidet, nie zu laut oder gar aufmüpfig. Immer schön still sein und möglichst bald einen Mann kennen lernen (gut situiert natürlich), der Dich heiratet und versorgt, während Du Dich brav um Haushalt und Kindererziehung kümmerst. Nie zu viel wollen. Nie zu viel erwarten und dabei immer perfekt aussehen und Dich perfekt fühlen!

 

Wir werden mit Sätzen getriggert wie:

Warum kannst Du nicht auch so gut in Mathe sein, wie die Sarah?
Schau mal wie ordentlich das Kleid von Michelle ist, die weiß wie sich ein Mädchen benimmt!

Kannst Du nicht mehr sein wie Lilly – die ist nicht so tough wie Du, die weckt in mir den Beschützerinstinkt!

Du bekommst beigebracht, dass Du so wie du bist, nicht gut genug bist. Dass die andere besser ist als du. Hübscher, blonder, intelligenter (aber nicht zu viel), erfolgreicher, sexier, süßer, angepasster…

Wie Pfeile treffen Dich diese Sätze, bohren sich ins Fleisch und in Dein Herz. Vergiften Deine Gedanken und dein Selbstwertgefühl.

 

Aber wie reagiert ein angeschossenes Tier? Mit Angriff!

Frauen greifen an, um selbst nicht verletzt zu werden, um sich größer zu fühlen, die eigene Unsicherheit zu überspielen.

Wir versuchen uns selbst zu erhöhen, indem wir andere erniedrigen.

Ich drücke die Mute Taste an der Fernbedienung, kann das Gekeife nicht länger ertragen. Schließe die Augen.

Ich stelle mir eine Welt vor, in der Frauen sich gegenseitig unterstützen. Sich hochleben lassen, ihre Erfolge gegenseitig feiern und sich auf die Beine helfen, wenn eine von ihnen gestolpert ist.

Ich stelle mir eine Welt vor, in der wir Frauen uns als Schwestern im Geiste verstehen.

Wieviel schöner könnte unsere Welt dadurch werden?
Wieviel mehr könnten wir erreichen?
Wieviel verletzte Seelen würden wir heilen?
Welche Töchter würden wir dadurch erziehen?
Was für ein Vermächtnis könnten wir hinterlassen?

Carina Frei

Carina ist Keynote Speaker und Rednerin – Menschen zu begeistern und neue Impulse zu setzen ist ihre Leidenschaft. Als Keynote Speaker und Seminarleiterin zeigt sie, dass jede Reise NICHT mit dem ersten Schritt beginnt, sondern mit dem Lösen der mentalen Blockaden! Female Empowerment, Stressmanagement und (Bühnen)Performance sind Carina Freis Herzensthemen.

www.carinafrei.com

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